OM

160x160_om

Was bedeutet eigentlich das OM?

Wenn ich Yoga gebe, dann beende ich den Unterricht meist mit einem OM. Das ist quasi das Amen des Yoga. Es bedeutet für mich einen rituellen Abschluss des Yoga-Unterrichts und gleichzeitig ein Segnen des Getanen und ein In-sich-kehren. Andere Lehrer tönen es zu Beginn, das ist ganz individuell.

Für Anfänger fühlt sich so was meist fremd an. Manch einer meint sich damit lächerlich zu machen, ist dieses OM doch wirklich sehr klischeebehaftet. Als bodenständige Yogini kann ich mir sehr gut vorstellen, was den Schülern, die meinen Unterricht neu besuchen, so alles im Kopf rum geht. Ich kann es förmlich hinter meinen geschlossenen Augen spüren: „Oh nein! Muss ich das auch tun? Ich will nicht zu dieser Sekte gehören. Ist das ansteckend? Das ist doch Blödsinn! Hoffentlich ist das bald rum. Ist ja peinlich . . .“
Und nun möchte ich dich beruhigen. Nein, du musst es nicht tun. Yoga ist auch keine Religion. Nur vielleicht entgeht Dir etwas . . .

Tatsächlich gehörte ich auch zu dieser Spezies, die sich dem nicht von Anfang an hingeben wollte. Ich war skeptisch, was den ganzen Hokuspokus mit der Spiritualität anging. Da dies allerdings auch zum Ablauf des Unterrichts während meiner Ausbildung dazugehörte, ließ es sich nicht vermeiden, dass ich mich irgendwann dabei ertappte, selbst das OM zu tönen. Meine Skepsis war gewichen und ich tönte einfach mit. Keine Ahnung warum, aber es hörte sich gut an, wenn es von einem ganzen Chor kam. Und ich wollte einfach nur mal wahrnehmen, wie es sich anfühlt, Teil davon zu sein. Es hatte etwas Erhabenes und ich fühlte mich getragen. Und als passionierte Sängerin spürte ich das OM von Anfang bis Ende. Ich holte Atem und tönte langsam dieses OM oder auch AUM (Sanskrit) und nahm am Anfang im Rachen das A wahr, in der Mitte das U und am Ende das M, bis es leicht in meinem Kopf vibrierte. Es hatte sich ein kleiner WOW-Effekt bei mir eingestellt und von da an tönte ich regelmäßig mit. Heute möchte ich es nicht mehr missen.

Nun, ganz schlicht ausgedrückt, dein Körper ist ein Klang- bzw. Resonanzkörper, wie eine Gitarre mit einem Corpus. Beginnt man eine Seite zu zupfen, in diesem Fall den Laut zu tönen, löst dieser Ton Schallwellen in deinem Körper aus, die Du spüren kannst. Deine Zellen und das Zellwasser darin beginnen zu schwingen und Energie entsteht, die du entlang der Wirbelsäule wahrnehmen kannst. Dabei öffnet sich dein Herzraum. Nebenbei hat es einen entgiftenden Effekt. Durch das Singen atmest du mehr ein und vor allem wesentlich mehr aus, als du es im Alltag tust. Das entschlackt und ist wohltuend für dein Nervensystem. Manche glauben, das OM tönen wäre ein Wettbewerb des längeren Tönens. Doch darum geht es nicht. Es ist nur so, dass die Lungenkapazität sich mit jedem Yogaunterricht steigert und dadurch der ein oder andere automatisch länger tönt.

Ich habe unterschiedliches Tönen erlebt. Das kommt ganz auf den Unterricht und Deine Persönlichkeit an. Es hat eine besondere Qualität, es ganz fein zu tönen. Sanft das OM zu empfangen und es sanft zu entlassen. Aber es kann auch wohltuend sein, wenn Du aus dem Vollen schöpfst. Auch die Tonlage ist immer individuell. Der eine liebt es tief, der andere höher. Oft beobachte ich, dass die Höhe des Tons sich an die jeweilige Energieebene (Chakra) anpasst, die wir vorher praktizierten. Und manchmal ist es auch abhängig von der jeweiligen Gemütslage. Betrachte das Tönen doch mal als Experiment, lass deine Vorurteile weg und spür was passiert, wenn du es aus dem Herzen kommen lässt.

„Wenn wir mit dem Herzen auf die
Feinheit und Schönheit in der Musik lauschen,
erleben wir ein Gefühl von vollkommener Harmonie
zwischen Energien unterschiedlicher Qualität –
wie nirgendwo sonst in der Natur.“
Daya Mullins

Ein wenig Philosophie?

Natürlich hat das OM einen philosophischen Hintergrund. OM ist sowohl ein Symbol als auch Klang für die Gegenwart des Absoluten, dem göttlichen Ursprung. Darüber gibt es, je nach Glaubensströmung, unendlich viele Spekulationen. Und ich versuche mich kurz zu fassen, da man darüber ein ganzes Buch schreiben könnte. Nach hinduistischem Verständnis ist OM der Urklang, aus dem das Universum entstanden ist. Physiker beschreiben den Ursprung des Universums als „Urknall“, also ebenfalls als einen Klang, der bis heute nachhallt und den Kosmos mit Energie speist. Das ist durchaus nachvollziehbar, bedenkt man, dass nichts Materielles festen Bestand hat, sondern aus Energie besteht. Energie ist Schwingung und diese wiederum erzeugt einen Klang. Das Absolute drückt sich also aus im OM und schwingt in jedem Atom. Wie im Makrokosmos, so im Mikrokosmos. Alles ist Schwingung.

Sehr schön finde ich die Beschreibung des OM in einem Ausschnitt aus dem Yoga-Philosophie-Atlas von Eckard Wolz-Gottwald:

OM bedeutet das Urwort, das nicht nur alle anderen Worte umfasst. OM umfasst die ganze Welt. OM umfasst sie nicht nur. OM ist das Universum. OM meint parallel zu den Begriffen brahman (das Absolute) oder ātman (individuelles Selbst), die Einheit von Allem. Was darunter zu verstehen ist, wird deutlich, wenn OM als aus vier Teilen bestehend erklärt wird. In der Devanāgarī-Schrift, der Schrift des Sanskrit, ist OM ein einzigartiges Schriftzeichen zugeordnet, das nur diesen Laut zum Ausdruck bringt. Anhand dieses Schriftzeichens werden tatsächlich vier Teile deutlich. Zunächst muss der Laut O als eine Zusammensetzung als A und U gedacht werden. Es folgt als drittes der Laut M. Der Punkt im oberen Teil gilt als der sogenannte Vierte, die unhörbare Dimension von OM. Jedem dieser vier Teile des OM wird nun eine bestimmte Bedeutung beigemessen.

A ist der erste Laut. Mit ihm beginnt nicht nur das lateinische und griechische Alphabet, sondern auch die Devanāgarī. A wird hinten im Rachen gebildet. Es ist der Laut der Öffnung, des Beginns. Er repräsentiert damit auch alles Anfangende beim Menschen und in der Welt, die Lebensphase, in der etwas Neues aufgeht. Als Bewusstseinsform bedeutet A das Wachbewusstsein, das als erstes entsteht, wenn der Mensch Bewusstsein erlangt.

Als zweites folgt das U. Das U ist der Laut der Mitte. Das U steht zwischen dem im Rachen hinten gebildeten A und dem vorne mit den Lippen als Verschlusslaut geformten M. Es ist der Repräsentant für allen Wandel, für das Auf-dem-Weg-Sein und auch für die Lebensphasen des Umbruchs. Als Bewusstseinsform meint U das noch aktive Traumbewusstsein, das hier unterschieden ist vom inaktiven Tiefschlaf. Erst M symbolisiert dann den Tiefschlaf als die Rückkehr, Einkehr, das Ende, das Zur-Ruhe-Kommen und auch das Ende jeder Bewusstseinsaktivität.
Die große Frage bleibt, was mit dem vierten, unhörbaren Teil des OM gemeint ist. Welche Bewusstseinsform weist als vierte über Wachen, Traum und Tiefschlaf hinaus? Das vierte Bewusstsein wird im Sanskrit einfach turīya, der Vierte genannt.

Der Vierte erkennt nicht, ist auch nicht erkennbar, ist nicht fassbar, nicht wahrnehmbar oder ist auch nicht beschreibbar. Und doch geht es um die Essenz des Selbst, um die Erfahrung der göttlichen Ruhe, des Friedens und der Glückseligkeit. Das vierte Bewusstsein, meint nicht eine Phase im ständigen Wandel von Aufgang und Untergang der zeitlichen Welt. Das vierte Bewusstsein umfasst Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Wer den vierten, unhörbaren Teil von OM hört, der erfährt den Laut OM in seiner ursprünglichen Einheit. Der erfährt in gleicher Weise die Bewusstheit der Einheit von Allem.

Navigation